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Werkstatt Freies Schreiben, Aufgabe 5 vom 06.11.2007. Diesmal was neues: Wir mussten auf ein Stück Papier ein Substantiv und auf ein weiteres ein Verb schreiben. Danach wurden die Zettel eingesammelt, und wir durften je ein Substantiv und ein Verb ziehen. Aus beiden sollten wir ein Wort bilden, und dazu eine Geschichte mit dem Thema „Ein seltsamer Beruf“ oder „Ein sonderbarer Charakter“ schreiben. Ich hatte die Worte Kokosnuss und drängeln bekommen, also folgt jetzt eine Geschichte über einen Kokosnussdrängler.

Der Kokosnussdrängler

Als ich nach Mindanao kam, hatte ich den Kopf voller Träume. Aber wie das mit Träu­men so ist, verflüchtigen sie sich im harten Licht des Tages. Der Kapitän des Frachters, der mich hierher brachte, war der Meinung, dass ich ihn nicht ausgiebig genug für seine Dienste bezahlt hätte. Er behielt mein ganzes Bargeld und meine Papiere und war so freundlich mir beim Aussteigen zu helfen, in dem er mich einfach im Hafen von Zamboanga über Bord warf.

Zamboanga City ist so eine Art Schmelztiegel für die Abenteuerer der Region. Hier trifft man sie alle: Den Filipino, der sich vor den Steuereintreibern aus Manila versteckt, den chinesischen Drogenhändler, diese Ami-Typen in den Hawaiihemden, von denen jeder dritte so tut, als ob er für den CIA arbeitet, und Typen wie - na ja: mich.

Zunächst war es gar nicht so einfach Fuß zu fassen. Ohne Papiere landet man schnell im Gefängnis, und das war nicht der Ort, an dem ich meine Zeit verbringen wollte. Ich kam bei einem Filipino namens Ramon Banayat unter, der nie viele Fragen stellte, und das war mir ganz recht so. Dafür half ich ihm gegen Kost und Logis aus.

Ramons Geschäft waren Stände auf den zahlreichen kleinen Märkten der schnell wachsenden Stadt, auf denen er vor allem frische Kokosnüsse, Obst und anderes Gemüse verkaufte. Mein Job bestand darin, immer genug Ware auf den Tischen zu haben, damit die Kunden auch immer fleißig einkaufen konnten. Diese Ware musste ich mit einem dreirädrigen Motorroller durch die engen, menschenbevölkerten Straßen der Hafenstadt manövrieren, wobei mein Hang zum schnellen Fahren und eine gewisse Chuzpe mir den Ruf eines zuverlässigen und schnellen Transporteurs einbrachte.

An den Ständen selbst arbeitete Ramons halbe Familie, für das Lager aber sorgte Ramons Tochter Marifé, mit der ich mich sehr gut verstand. Oft alberten wir herum, und sie nannte mich „unahan-buko”. Mein Filipinisch war zu dieser Zeit - sagen wir – eher bescheiden, und bei den Blicken, die mir Marifé aus ihren Glutaugen zuwarf, war es mir auch egal was es bedeutete. Bald war ich in der ganzen Stadt als „unahan-buko“ bekannt, und man grüßte mich mit Respekt und diesem tiefgründigen asiatischen Lächeln, von dem ich heute noch nicht weiß, ob es nur Mitleid mit den Narren oder doch Wiedersehensfreude ist.

Eines Tages bat Ramon mich mit tiefernster Miene ins Büro, goss mir etwas Reiswein ein, und begann ein Gespräch über den Obsthandel im Allgemeinen und seiner Firma im Besonderen.

„Mein Freund“, sagte er, „ich bin alt, und die Tage meiner Ruhe sind nahe. Könntest du dir vorstellen für immer hier zu bleiben und meine Firma zu leiten? Aber sei gewarnt: Es gibt eine Bedingung, die du erfüllen musst. Heirate meine Tochter!“

„Nun“, antwortete ich – und mein Herz hüpfte, denn Marifé und ich hatten uns schon lange ineinander verliebt, „das ist keine Bedingung, es ist eine Ehre! Aber eines muss ich vorher noch wissen: Was ist ein ‚unahan-buko‘?

Ramon lachte, nahm mich am Arm und führte mich zum Fenster. Unten im Lagerhof wurden gerade frische Kokosnüsse abgeladen, und Marifé kommandierte die Arbeiter mit lauter Stimme. „Buko ist die Kokosnuss“, schmunzelte Ramon und deutete auf die grünen Früchte, „und unahan heißt drängeln. Du drängelst dich mit deinem Roller immer so schnell durch den Verkehr. Du bist der Kokosnussdrängler!“

Das ist nun schon viele Jahre her, und heute ist „Banayat Import und Export“ der größte Obst und Gemüsehändler in ganz Zamboanga. Und manchmal, auch wenn Marifé schimpft, quetsche ich mich in meinen alten Roller und drängel mich mit einer Ladung Kokosnüsse durch die Gassen, und die, die mich noch kennen rufen dann „schneller, unahan-buko, schneller!“, und die, die mich nicht kennen, runzeln nur verwundert die Stirn.

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