
Die Sache mit dem Schreiben hat mir keine Ruhe gelassen und so habe habe ich, um das ganze mal auszuprobieren, an einer "Schreibwerkstatt" am Bildungszentrum teilgenommen. Das war eine wirklich inspirierende Veranstaltung. Eine unserer ersten Aufgaben war, eine Geschichte zu schreiben, die bestimmte Merkmale enthalten sollte: Es sollten die Personen [red]George Müller-Schmidt, 52 Jahre alt[/red], und [red]Emily Winter, 12 Jahre[/red] alt vorkommen. Außerdem musste die Geschichte in [red]Wien[/red] handeln und zwar in der [red]Gegenwart[/red]; wobei nicht die erzählerische Zeitform gemeint war, sondern die Zeit in der die Geschichte eben handelt. Und es sollten unbedingt gelbe Socken in der Geschichte eine Rolle spielen.
Klingt soweit ganz einfach, irgendwas fällt einem dazu schon ein. Aber der besondere Kniff war, dass man nur etwa 15 Minuten Zeit hatte, und nur den Anfang der Geschichte schreiben sollte, danach musste man sein Blatt an den Tischnachbarn zur Linken weitergeben und der durfte die Geschichte fortsetzen. Selbst erhielt man die Geschichte des Nachbarn zur Rechten, und hatte seinerseits die Ehre dessen Geschichte weiterzuspinnen. Klingt schon kniffliger, oder?
Nachdem die Geschichte fünf mal weitergegeben worden war, erhielt man sein Blatt zurück, und sollte nun die Geschichte zu Ende bringen.
Tja, und das ist, was bei mir herausgekommen ist. Ich hab ein bisschen eingefärbt, was von den anderen Teilnehmern geschrieben wurde, damit auch jeder entsprechend gewürdigt werden kann, und ich mich hier nicht mit fremden Federn schmücke. Die beteiligten Autoren:
Peter > Kerstin > Michaela > Sylvia > Regina > Frank > Peter
Wie jeden Tag betrat George Müller-Schmidt sein Lieblingscafé in der Nähe des Praters. Schwungvoll warf er seine Aktenmappe auf sein Lieblingssofa und ließ sich mit einem Ächzen daneben nieder. „Eine Melange, bitte!“ sagte er an den Kellner gewandt und entfaltete seine Tageszeitung. Behaglich lehnte er sich zurück und begann zu lesen. Der Kellner brachte den Kaffee und stellte die Tasse mit einem leisen Klirren auf dem Tisch ab. Plötzlich zuckte die Zeitung, und die Buchstaben sprangen vor seinen Augen auf und Ab. Irritiert blickte George über den Rand der Zeitung, konnte jedoch niemand sehen. Da, da war es wieder!
Etwas irritiert wandte er sich seinem Kaffee zu. Gedankenverloren goss er etwas Milch aus dem Kännchen am Tisch in den diesen und begann langsam dem Löffel in der Tasse zu drehen. Plötzlich ging die Eingangstür des Cafés mit einem heftigen Schwung auf. In der Tür stand ein etwa zwölf Jahre altes Mädchen, das sich hektisch umblickte. Ihre Augen blieben bei George haften.
Doch kaum einen Minute später eilte sie auf ihn zu. George hatte durch den Luftzug und den lauten Stoß gemerkt, dass da so etwas wild gewordenes Kleines auf ihn zuhielt. Er konnte nur einen glänzenden braunen Haarschopf und – seltsamerweise – giftgelbe Socken an ihren Füßen erkennen, sie stachen richtig heraus.
„Sie müssen mir helfen“ sagte das Mädchen zu ihm. Sie keuchte und war ganz außer Atem. Offensichtlich war sie gerannt. „Ich bin Emily Winter. Bitte helfen Sie mir. Ein paar Jungen aus der neunten Klasse verfolgen mich. Sie wollen mir mein Handy und meine Turnschuhe klauen. Ich konnte gerade entwischen.“ Kurzentschlossen stand George auf, trat an das Fenster und suchte die Straße ab. Da an der Ecke, da hatte sich etwas bewegt. Als sie sahen, dass sie beobachtet wurden, waren die Jungs um die Ecke des Häuserblocks zurückgewichen. Wahrscheinlich warteten sie darauf, dass Emily wieder aus dem Café herauskam. George zahlte seinen Melange, packte seine Sachen zusammen und sagte zu Emily: „Komm mit, denen werden wir es schon zeigen!“
Entschlossen packte er Emily an der Hand und lief mit ihr auf die Straßenecke zu. Voller Bewusstsein im Recht und der Stärkere zu sein, bog er um das dunkle Hauseck und schlug lang hin. Irgendetwas hatte seinen Tatendrang gehemmt, irgendetwas war ihm zwischen die Beine geraten. Benommen versuchte er sich aufzurichten; Knie und Ellbogen brannten, doch schlimmer brannte seine Wut… Die konnten was erleben!
Ärgerlich kickte er die leeren Eimer weg, über die er gefallen war. Wahrscheinlich hatten die Jungs diese dort extra aufgestellt. Beide liefen sie nun weiter hinter den 4 Jungen her, die sie noch gerade über den Hinterhofzaun springen sahen. Es zeigte sich nun als Vorteil, dass George regelmäßig Squash spielte und so konnten sie doch schnell den Abstand verringern. Nach dem nächsten Zufahrtstor des Wohnblocks waren sie nur noch etwa fünfzehn Meter getrennt.
Die Jungs flitzen gerade um eine Ecke und waren außer Sicht. Und wo war eigentlich Emily? Gerade war sie doch noch neben ihm hergelaufen? Schnaufend blickte sich George um. Auch von dem Mädchen fehlte jetzt jede Spur. Und noch etwas war weg: Die Aktentasche! „Ich muss sie wohl dort liegen lassen haben, wo ich über die vermaledeiten Eimer gefallen bin“ dachte George und machte sich auf den Weg zurück zum Kaffeehaus. Dabei rieb er seinen schmerzenden Ellenbogen. Vor dem Kaffee lagen zwar noch die Eimer – einer mit einer mächtigen Delle von Georges Fußtritt – aber von seiner Aktentasche keine Spur. Der Kellner kaum aus dem Laden: „Haben’s das nicht gelesen, Herr Doktor?“ – er nannte alle Leute „Herr Doktor“ – „Diese Kinderbande macht ganz Wien schon seit Tagen verrückt!“ George Müller-Schmidt blickte auf die Zeitung die ihm der Kellner entgegenhielt. „Vorsicht vor den gelben Socken“ stand da. „Tja“ seufzte George, „soweit hatte ich die Zeitung noch nicht gelesen…“
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